Samstag, 19. November 2011

Die Traditionen einer Dissertation

in Finnland sind schon interessant, auch wenn manche davon mir ein wenig Sorge bereiten... Ein bisschen gewinnt man den Eindruck, man sollte sein Gehalt lieber für den Abschlusstag sparen statt davon zu leben ;).

Heikki, der Doktorand (bzw. seit heute Doktor), sowie der Vorsitzende der Verteidigung (heute war das Matti) und der Opponent/Diskussionsgegner für die Verteidigung betraten kurz nach 12 Uhr im Frack den Vorlesungssaal und alle standen auf. Matti hatte einen Zylinder bei sich, den er vor sich auf den Tisch legte - was es damit auf sich hat erkläre ich nach dem allgemeinen Ablauf :). Nach einer kurzen Begrüßung durch den Vorsitzenden fing Heikki dann an, eine 15-minütige Präsentation über sein Forschungsthema zu geben. Zum Glück hatte er bereits vor einer Woche jedem Mitarbeiter im Fachbereich eine gedruckte, signierte Version seiner Arbeit, eine Einladung zur Verteidigung und eine Einladung für die Feierlichkeiten am Abend überreicht. Somit hatte man vor Ort was rum Blättern und Nachlesen und schon vorab eine Möglichkeit, sich etwas über seine Forschungen zu informieren. 
Nach der Präsentation verlas er noch kurz einen Dank an den Opponent für sein erscheinen, bevor die beiden etwa zwei Stunden auf Englisch über Heikkis Arbeit diskutierten - oder anders gesagt, bevor der Opponent Heikki zwei Stunden lang gefragt hat, wieso er diesen und jenen Versuch nicht noch durchgeführt habe oder welche Techniken es für bestimmte Fragestellungen gibt. Im Anschluss an die Diskussion verlas der Opponent dann ein Gutachten zur Arbeit und der Verteidigung und erklärte, dass Heikki aufgrund der vorliegenden Arbeit und der positiven Verteidigung seiner Arbeit den Doktorgrad verliehen bekommen solle. Danach gab es für alle Anwesenden Kaffee und Kuchen in der Cafeteria des Gebäudes.

Zu dem Zylinder gibt es wie gesagt eine Erklärung... Nach der Dissertation in Finnland ist man berechtigt, einen Doktorhut zu kaufen - ein Zylinder in einer für den Fachbereich spezifischen Farbe mit einem Emblem des Fachbereichs. Hätte der Opponent seine Doktorarbeit in Finnland gemacht, wäre auch von ihm ein Zylinder auf dem Tisch gewesen. Laut Pirjo (Lektorin und eine meiner Betreuer(in)) kann man diesen Hut für etwa 2000 € erwerben. Sie selbst hat sich einen solchen Hut aber nie gekauft. Und auch der Hut, den Matti heute mit sich trug war nur ausgeliehen und daher nicht dunkelgrün, wie für Absolventen des Fachbereichs Medizin an der Universität Turku üblich. Eine andere Promotionsstudentin erzählte mir, dass man auch einen Degen erwerben könnte der vermutlich noch teurer käme, als der Hut. Nichts desto trotz ist das sicherlich eine nette Erinnerung, aber der Preis...

Am Abend gab es dann die große Feier. Gegen 18 Uhr trafen sich die besonderen/wichtigen Leute zum Abendbrot, was genau dort passiert, kann ich euch auch nicht sagen. Aber scheinbar muss der Doktorand dann zu jedem Anwesenden eine Rede halten, und die Leute halten wiederum eine Rede zu ihm. Alle anderen Gäste waren ab 20 Uhr eingeladen und mussten zunächst warten, bis das Dinner der Anderen vorbei ist. Allerdings wurden mit einem Buffet auch für unser leibliches Wohl gesorgt. Gespräche, Wein und Musik hielten die Stimmung am Leben... Gegen halb 10 stießen dann auch der Gastgeber und die restlichen Gäste zu uns. Die Party begann damit, dass fast alle finnischen Mitarbeiter ein Lied für Heikki einstudiert haben mit einem selbstgeschriebenen Text über seine Arbeit. Leider sind nur zwei Strophen in Englisch, aber sie passen wirklich gut zu Heikkis Thema und sind lustig. Zwei Kollegen haben sich außerdem die Mühe gemacht, noch ein Video zu drehen, was heute vorgeführt wurde. Heikki hat für seine Doktorarbeit sechs Jahre gebraucht und am Anfang liefen seine Versuche überhaupt nicht gut. Der Film sollte darstellen, wie die Kollegen seine Arbeit sabotiert haben, damit er nicht fertig wird und ihnen somit für immer am Fachbereich erhalten bleibt. Die Leute waren sehr kreativ, was man alles mit "seinen wirklich wichtigen Proben" so alles anstellen könnte. Am Ende des Videos stellt sich heraus, dass Heikki - gespielt von einem Kollegen mit einer Papiermaske mit Heikkis Gesicht) nur einen Albtraum hatte und Fotos und Videos des heutigen Tages wurden eingeblendet. 

Die Feierlichkeiten hier werden also wirklich wichtig genommen und die Leute hängen sich wirklich rein, die Feier für den Doktoranden unvergesslich zu machen. Die Traditionen mit dem Frack und dem Zylinder werden vor allem im Fachbereich für Medizin noch sehr gepflegt. Ich frage mich zwar noch, was wir Frauen dann dazu tragen, aber an sich gefällt es mir gut, dass so viel Aufwand darum betrieben wird. Immerhin ist es der höchste Studienabschluss, den man hier erreichen kann.

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen